Haan, Evangelische Kirche

Schleifenwindladen, mechanische Tastentraktur (Lagerung der Holzwellen ohne Garnierung), duale Registertraktur, Manual I und II durchschoben, Generalsetzer 64fach, Sequenzer vorwärts und rückwärts

Stimmung: Gleichschwebende Temperatur
Disposition: Gerhard Tributh, Christian Lobback
Gehäuseentwurf, Mensuren und Intonation: G. Christian Lobback

Manual I C - g''' (Positiv)

Rohrflöte 8'
Quintade 8'
Prinzipal 4'
Oktave 2'
Sesquialter II 2 2/3'
Quinte 1 1/3'
Scharff IV 1'
Vox humana 8'
Tremulant
III - I

Manual II C - g''' (Hauptwerk)

Pommer 16'
Prinzipal 8'
Spitzflöte 8'
Gambe 8'
Oktave 4'
Blockflöte 4'
Quinte 2 2/3'
Oktave 2'
Kornett V 8'
Mixtur V 1 1/3'
Zimbel III 1/2'
Trompete 8'
III - II
III - II elektrisch
I - II

MManual III C - g''' (Schwellwerk)

Bordun 16'
Prinzipal 8'
Flûte harmonique 8'
Salizional 8'
Schwebung 8'
Prinzipal 4'
Nachthorn 4'
Nasat 2 2/3'
Schwegel 2'
Terz 1 3/5'
Mixtur V 2 2/3'
Fagott 16'
Oboe 8'
Clairon 4'
Tremulant

Pedalwerk C - f'

Prinzipal 16'
Subbaß 16'
Quinte 10 2/3'
Oktave 8'
Gedackt 8'
Choralbaß 4'
Hintersatz IV 2 2/3'
Posaune 16'
Trompete 8'
Zink 4'
I - P
II - P
III - P

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Die Orgel der Evangelischen Kirche Haan bei Düsseldorf

"Unter den Menschen gibt es mehr Kopien als Originale." Dieses Zitat von Pablo Picasso könnte man auch so formulieren: Unter den Orgelbauern gibt es mehr Kopisten als Avantgardisten. Zu dem weltweit kleinen Kreis phantasievoller Konstrukteure und Orgelarchitekten, denen außerdem subtile Tonempfindung und ausgeprägter Klangsinn eigen ist, gehört der norddeutsche Orgelbaumeister Christian Lobback. Er baute die dreimanualige, vollmechanische 16-Fuß-Orgel 1987 für die Evangelische Kirche in Haan. Das Instrument gilt inzwischen unter den Fachleuten als eines der besten im nördlichen Rheinland.

Lobback in Hamburg geboren, wollte ursprünglich Geiger werden. Seine Lehrer waren u.a. Max Grünwald und Georg Gerwien vom Klaerschen Konservatorium in Blankenese. Die Auseinandersetzung mit Problemen der Tonbildung auf der Geige verschafften ihm Einsichten, die er später beim Bau seiner Orgeln umsetzen konnte.

Die 1964 gegründete Werkstatt in Neuendeich, inmitten der Elbmarsch, nordwestlich von Hamburg gelegen, entwickelte sich zwischenzeitlich zu einer auf hohem Niveau stehenden handwerklich wie künstlerisch orientierten Unternehmung. Die ausgeprägte Individualität und der Nonkonformismus seiner Orgeln zählt zu den typischen Merkmalen. Das gilt nicht nur für das äußere Erscheinungsbild und die Klangeigenschaften, sondern ebenso für die Konstruktion. Lobbacks Leitgedanke, die Orgel solle stets eine Reflexion der Zeit sein, in der sie entsteht, führte früh zu einer Loslösung von erborgten und kopierten Stilmitteln.

So sprengt die Haaner Orgel in mehrfacher Hinsicht den Rahmen des schon Gewohnten und unterscheidet sich von der großen Zahl neuer Instrumente, die zunehmend die Orgellandschaften prägen.

Das Gehäuse mit seinen spitzprofilierten fünf Vertikalfeldern erhebt sich wie ein Monolith mächtig vor der Emporenrückwand und beherrscht in vornehmer Größe den Kirchenraum. Die großen Freiflächen über den 16- und 8-Fuß Pfeifenfeldern nutzte Lobback zur Applikation von phantasievoll entworfenen Schallbrettern. Die Motive wirken wie gewaltig vergrößerte Molekularstrukturen unter dem Elektronenmikroskop, lösen die strengen vertikalen Parallellienien des Rahmen- und Pfeifen-werks auf und verleihen dem Instrument den Eindruck von schwereloser Eleganz.

Die Anhänger der modischen Meinung, ein Orgelgehäuse müsse sich an historischen Vorbildern orientieren, werden angesichts der Lobbackschen Lösung möglicherweise erstarren, da diese vom allgemein akzeptierten Geschmackskanon deutlich abweicht.

Das Traditionskonzept dieser Kopisten ist schließlich nichts anderes als das simple Begehren, die Zukunft aufzuschieben, obgleich es eine Form des ästhetischen und kulturellen Epigonentums ist, das für seine Basismaterialien und seine Existenz von der Spenderkultur abhängig bleibt.

Die Disposition mit ihren 44 Registern verfügt über die Zutaten, die den Musiker befähigen, sowohl eine überzeugende Interpretation der Werke Joh.Seb. Bach's als auch der von Max Reger zu realisieren. Und weil sie über diese beiden Elemente verfügt, kann durch das Zusammenfügen, die Vernetzung dieser zwei unterschiedlichen Klangpotentiale ein drittes Potential erschlossen werden, das die Orgel des 17. und 19. Jahrhunderts naturgemäß nicht realisieren konnte.

Somit zeigt sich, daß die Orgel in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts über Ressourcen verfügt, die nicht nur Stilpluralismus ermöglicht, sondern darüber hinaus ganz neue, bisher unbekannte Klangebenen erschließen kann. Auf einem solchen Instrument läßt sich trefflich musizieren, auch deshalb, weil die ästhetische Kompetenz seines Erbauers inspirierend wirkt.

© Hans Enzweiler